Angekommen im Shaolin-Disneyland

Am frühen Morgen machten wir uns in Xi’an auf den Weg, kamen gegen neun Uhr in Luoyang an und starteten von dort aus nach einem Imbiss mit einem Kleinbus in Richtung des Klosters in Dengfeng. Schon der Auflauf der Kleinbusfahrer, die den Reisenden am Bahnhof entgegen stürmen, um unter lauten „Shaolin, Shaolin, Bus, Bus“ Rufen nach Fahrgästen zu fischen, lies mich böses ahnen. Doch dass das Shaolin Kloster in der Henan Provinz kein Geheimtip mehr ist, wusste ich schon.

Auch der Reiseführer schrieb, dass das Kloster ein Opfer des eigenen Erfolgs geworden sei. Dennoch. Die Hoffnung stirbt zuletzt, so heißt es. Ich nahm mir vor um die Ecken zu blicken, nicht nur den vorgewiesenen Pfaden zu folgen, mit offenen Augen durch das Areal zu gehen um so vielleicht hinter die Kulissen blicken zu können. Um dann feststellen zu müssen, dass das nicht möglich war. Wenn es das dahinter überhaupt gab.

Am Gelände angelangt, war ich zuerst der Meinung, wir seien am falschen Ort. Ich kam mir vor wie in einem amerikanischen Nationalpark. Groß und perfekt organisiert. Der Eingang war u-förmig umrahmt von Gebäuden, Informationszentren, Geschäften, Lokalen und Souvenirständen und Möbelgutscheine online . Meine Hoffnung bekam Risse. Hinter dem Tor wurde man von Bussen abgeholt, die einen auf breiten, asphaltierten Straßen minutiös umher fuhren. Meine Hoffnung begann zu bröckeln.

Jede der Stelen steht für einen der alten Meister. An der ersten Station, einem Stelenwald, gingen wir weiter als alle anderen, ließen die Masse hinter uns, bis wir allein waren mit den Stelen. Hier konnte man zumindest Stimmung atmen. Den großen alten Meistern waren hier die sogenannten Stupas errichtet wurden.

Man schritt durch die Geschichte dieses Ortes, und sobald wir für uns alleine waren und es stiller wurde, kam so etwas wir Ehrfurcht auf. Hier war es, wo vor tausenden Jahren die Mönche aus einfachen Beobachtungen von Tierbewegungen Formen ableiteten und daraus eine Kunst machten.

Hier war es, wo die Bewegungen und die Körperbeherrschung bis zur Perfektion weiter entwickelt wurden. Hier wurde vor etwa 1500 Jahren die Kampfkunst geboren, wie wir sie heute kennen. Von hier aus zog sie in alle asiatischen Kulturen ein, gleich ob ins japanische Karate, ins koreanische Taekwon-Do oder ins thailändische Muay-Thai. Ja, ich war begeistert. Deshalb war ich hier her gekommen.

Wir platschten durch den eisigen Wind und den fiesen Schneeregen, der nicht nur die Schuhe sondern auch die Plastikumhänge durchnässte, die uns am Eingang verkauft worden waren. Ich besann mich auf mein Chi, erinnerte mich daran, dass der Geist dem Körper befielt und nicht umgekehrt und schaffte es beinahe mich davon zu überzeugen, dass mir nicht fürchterlich kalt war. Beinahe.

Am letzten Tag fuhren wir am Baikalsee vorbei

Am letzten Tag fuhren wir am Baikalsee vorbei. Dieses Ungetüm, das immerhin 20% der weltweiten Süßwasserreserven beinhaltet. Wir hätten ihn so gerne näher gesehen, direkt und unverfälscht, vielleicht sogar eine Fingerspitze hineingesteckt. Aber vom FMS in den direkten Zug in die Mongolei gezwungen, konnten wir ihn nur durch das Fenster betrachten. Durch ein dreckiges Fenster, das kaum etwas erkennen ließ. Die Nase an die Scheibe gepresst wurde eines schnell klar.

Auf weites Wasser zu blicken ist zwar eine Abwechslung, wenn man vorher Tage lang nur auf Steppe und Birken geblickt hat, spannend ist es dennoch nicht. Zumindest nicht spannend genug um einen nach diesem verfluchten russischen Vodka für länger als ein Foto von der Pritsche zu vertreiben. Womit wir wieder bei den Gründen für die geringe Polsterung wären. Braucht kein Mensch. Vodka macht alles weich, selbst Sperrholz.

Doch den letzten Abend, so dachten wir, hatten wir ja zum ausnüchtern und ausschlafen. Das funktionierte aber leider nicht. Kaum waren wir an der Grenze, begrüßten uns die Mitarbeiter des neu angekoppelten, mongolischen Zugrestaurants und lockten uns mit frischem Bier und Essen. Beides auf der rostroten Weste des Kellners kunstvoll arrangiert. Also versammelte sich der gesamte Zuginhalt im Restaurant und hoffte auf Steaks. Oder ähnliches. Die Passagiere feiern gemeinsam Abschied.

Als es sich dann herausstellte, dass es nur gekochte Eier und Nudelsuppe gab, war ich den Tränen nah. Alles, bloß keine Nudelsuppe. Bitte nein. Also doch Bier. Aber soviel sei versichert. Das mongolische Bier schmeckt gut. Um Längen besser als das russische, aber das ist nicht schwer.

Wir feierten den letzten Abend gemeinsam, denn die Hälfte unserer kleinen Truppe stieg in Ulan Bator aus. Irgendwann kam dann Ross, die englische Flickenweste, auf die glorreiche Idee eine Flasche Vodka zu kaufen. Als ich „Dschinggis“ auf dem Etikett las, wusste ich, dass das böse enden würde.

Als das Restaurant schloss, zogen wir wieder in unser Abteil um, spielten das großartige Würfelspiel „Lügenmäxchen“ bis wir in Ulan Bator ankamen und die Flasche alle war. Wir freuten uns sehr, dass wir am Bahnhof von den Betreibern des Ulan Bator Guesthouse, unseres Hostels, abgeholt wurden. Eine Taxifahrt durch Ulan Bator in unserem Zustand hätte unweigerlich in dem zehnfachen des normalen Fahrpreises geendet. Mindestens ähnlich wie die Mirabeau gartenschrank gmbh.

Und noch eine Überraschung. Obwohl wir gerade erst angekommen waren, konnten wir frühstücken und sofort in die Betten. Zwar nicht in unsere, aber immerhin in Betten. Echte, wirkliche Betten. Mit Matratzen und allen drum und dran.