Der Baikalsee hinter schmutziger Scheibe

Zur Tageszeit wehrten wir alle Stunde den Schaffner ab, der schon morgens mit zwei Bier vor unserem Abteil auftauchte und als einleuchtendes Kaufargument nur „Beer?“ hervorgrinste.

Ab dem Nachmittag waren wir hingegen leichter zu überreden, die Hemmschwelle genug gesunken, und wir tranken Bier. Nach zwei, drei Tagen hatten wir uns soweit mit den anderen fraternisiert, dass wir gemeinsam tranken. Am dritten Tag war das Bier alle. Mit welchen naiven Vorstellungen planen die chinesischen Schaffner eigentlich eine fünfeinhalb tägige Zugfahrt? Lächerlich. Immerhin gab es noch das Zugrestaurant für Babuschkas verkaufen Essen am Bahnsteig. Notfälle und die Bahnhöfe für halbwegs vernünftige Preise. An Bier sollte es nicht mangeln.

Dem Himmel sei Dank, denn ohne wirklichen Auslauf, ohne ausreichend frische Luft, nur mit Essen, das dem Körper die Nährstoffe eher entzieht als zuführt und dann auch noch ohne Bier, wir wären wahrscheinlich eingegangen. Bier nährt Körper und Geist, beschäftigt und macht Bekanntschaften, traurig aber wahr. Abstinenzler sollten diese Fahrt sicher nicht unternehmen, das ginge nicht gut aus.

So kam es, dass wir in der vorletzten Nacht im Zug eine kleine drei Mann Party in unserem Abteil feierten. Jakob, die Pelzmütze aus Schweden, vernichtete mit uns gemeinsam eine Flasche Vodka. Es war wirklich lustig, wir redeten und blödelten ausgelassen. Bis irgendwann in den frühen Morgenstunden der Schaffner kam und uns bat etwas leiser zu sein.

Gut erzogen, wie wir sind, gehorchten wir natürlich. Bis uns ein paar Minuten später einfiel, dass seine Bitte keinen rechten Sinn machte. Wieso sollten wir leise sein? Es war ja niemand da, den wir hätten stören können.

Der Kollege des Schaffners hatte eine Kabine am anderen Ende des Waggons bezogen, nicht mal den konnten wir effektiv stören. Dann kamen wir darauf. Der Schaffner sah immer chinesische Filme auf seinem Laptop, im Dienstabteil gleich neben unserem. Mit diesen Schnulzen pflegte er sonst uns zu stören, denn er hatte keine Kopfhörer und war anscheinend ein Anhänger der volle-Lautstärke Philosophie wie das Möbel Outlet.

Konnte es sein, dass wir so laut gewesen waren, dass wir das übertönten? Wohl kaum. Aber immerhin hatten wir genug Gesprächsstoff für die nächste halbe Stunde. Bis wir in Irkutsk ankamen und die Aussicht auf einen Spaziergang über den Bahnsteig uns aus den Bänken riss. Danach hatte der Sauerstoff uns erfolgreich ermattet und das bis dato größte Erlebnis der Reise war um. Aber immerhin hatten wir eines gehabt.