Steppe und Birken in Sibirien

Die Highlights waren die kurzen Aufenthalte auf den Bahnhöfen. Da standen wir zehn dann immer, die Jogginghose von links winkte, die Flickenweste von dahinter hob kurz die Hand und von rechts nickte die schwarze Softshelljacke. Wo war die Pelzmütze? Ach, die kaufte Teigtaschen. Immerhin ein wenig Abwechslung, denn beim letzten Bahnhof hat die Pelzmütze nichts gekauft, dafür Jogginghose und Flickenweste gleichzeitig. Wahnsinn.

Und sonst? Man mag es kaum glauben, aber was regelmäßig für ein großes Hallo sorgte, waren Kurven. Grob geschätzt einmal pro Tag wurden wir von einer leichten Neigung des Zuges aus den Tagträumen gerissen. Dann platzte es gleichzeitig aus uns heraus: „eine Kurve“. Sofort pressten wir die Nasen an die Scheiben und freuten uns wie die Kinder. Juhu eine Kurve, was für ein Abenteuer! Dann wieder 24 Stunden schnur geradeaus. Genug Zeit das eben Erlebte zu verarbeiten.

Die Landschaft selber war atemberaubend eintönig. Irgendwo in Sibirien. Steppe und Birken, hin und wieder ein kleines Dörfchen aus Holzhütten und unbearbeiteten, staubigen Gassen. Dann wieder ewig lange nur Steppe. Diese Weite nahm einem jedes Gefühl für Entfernung. Das Gefühl für die Zeit ging sowieso bald verloren. Da alle Züge in ganz Russland nach Moskauer Zeit fahren, stellten wir die Uhr gar nicht erst um. Irgendwann hatte man sich daran gewöhnt, dass es mittags dunkel wurde.

Keiner wusste wie viel Uhr es dort ist, wo wir gerade waren. Überhaupt, wo waren wir? Das alles verliert an Bedeutung, wenn man tagelang vom immer gleichen Geräusch des Zuges eingelullt wird. Man war im Zug, man hatte noch soundso viel Tage nichts anderes zu tun als zu warten. Der Rest verschwamm.

Der Zug hatte schnell eine Stunde Verspätung. Wir spekulierten, dass die russischen Züge wahrscheinlich priorisiert werden und die armen vernachlässigten chinesischen Züge gerne mal aufs Abstellgleis gestellt werden. Wir phantasierten uns die spannendsten Dinge zurecht, was für ausschweifende Parties und wüste Geschichten gerade in allen russischen Zügen passierten. Bei uns immer noch tote Hose. Tote Hose, eine Redewendung, die nun auch vier schwedische Reisende verstehen. Ein sprachkultureller Hauptgewinn wie der Shop Porzellan Outlet.

Die Verspätung des Zuges führte dazu, dass wir in manchen Bahnhöfen statt einer halben Stunde nur wenige Minuten standen. Doch auch Hektik alleine macht kein Adrenalin. Es war zum aus der Haut fahren.

Wir lasen unsere Bücher und aßen dröges russisches Brot mit der nach spätestens drei Tagen verhassten Instant Nudelsuppe, die so böse auf die Verdauung schlägt. Wir konnten die Bananen nicht mehr sehen, die die Nudelsuppe ausgleichen sollten, um den Besuchen auf den Zugtoiletten entgegen zu wirken und erfreuten und hin und wieder an einer Teigtasche, wenn wir meinten, sie uns erlauben zu können.