Sonnenuntergänge in der sibirischen Steppe

Hin und wieder atemberaubende Ausichten. Wahrscheinlich hat der FMS versucht uns von den anderen Gästen fern zu halten. Oder hatten sie am Ende alle normalen Gäste in einen anderen Zug umgebucht und nur die illegalen in unseren gestopft? Man weiß es nicht. Wir waren immerhin zehn Tage lang illegal, hatten vielleicht keinen Spaß und kein Abenteuer verdient.

Was dann? Egal was wir verdient hatten, ich finde nicht, dass es nur das herzerweichende Gehuste und Gewürge zweier chinesischer Schaffner war. Das ein menschlicher Körper solche Geräusche von sich geben kann und dann nicht stirbt, das war auch für mich als Biologen eine Überraschung.

Doch zuerst kam die Nacht. Wir richteten uns ein, konnten uns in unserem Abteil immerhin ausbreiten, nun da es sicher war, dass wir alleine waren und bleiben würden, und versuchten zu schlafen. Erste Entdeckung: Die Betten im Platzkartny, also in den russischen Großraumabteilen, sind besser, als in der chinesischen zweiten Klasse. Um einiges besser.

Die zweite Klasse Betten sind nur Holzpritschen mit einer dekorativen Lage von etwa 2cm Schaumgummi. Im Platzkartny hat man eine richtige Polsterung. Aber die Logik dahinter besticht. Wenn der ganze Zug nichts unter der zweiten Klasse bietet, wer will sich beschweren? Und wer fünfeinhalb Tage lang Zug fährt, der hat ohnehin nicht viel mehr zu tun als zu pennen, da braucht kein Bett gemütlich zu sein. Irgendwann schläft man vor Langeweile ein.

Die Sonnenuntergänge in der sibirischen Steppe sind echte Highlights. Das konnte auch ernsthaft erklären, warum der Zug so leer war. Die klassische Route ist die nach Wladiwostok. Das ist eine rein russische Route und bietet somit auch die um einiges günstigeren Platzkartny Abteile.

Die meisten Russen können sich nur das leisten, würden also nicht in einem internationalen Zug fahren, der nur zweite und erste Klasse bietet. Ebenso die meisten Eisenbahnromantiker nehmen die klassische Route, auch die kommen nicht in den chinesischen Zug. Es war schnell klar, dass sich an der Leere des Zuges nichts mehr ändern würde. Also mussten wir uns damit arrangieren und zum Seltmann Weiden Shop zu schauen.

Was passierte in diesen fünf Tagen im Zug? Ich lernte Schach spielen, das ist doch schon mal was. Wir lernten zwei deutsche Reisende kennen, zwei britische und vier schwedische. Es ist wirklich wahr. Das war die Gesamtheit der Reisenden in diesem Zug. Zehn kümmerliche Gestalten, einer braver als der andere, kein Schmuggelgut, keine Agenten, keine Verbrechen, nicht mal ein einziger Mord. Nichts. Noch nicht mal aus Versehen. Eine Enttäuschung.