Tolle Sonnenuntergänge in Sibirien

Tolle Sonnenuntergänge, langweilige Fichten und Birken. Es gab Zeiten da war die Hütte voller Leben, da entstand in ihr Leben, mal heimlich, mal ganz offen. Sie war Geburtsstätte, nun ist sie Totenhaus. Ganze Familien lebten hier, sie wurde erbaut, erlebt, geliebt. Sie war umkämpft, sie wurde verlassen, neu gefunden und für so viele Dinge genutzt, dass sie selbst schon nicht mehr alles aufzählen kann.

Doch dass sie mal ein Heim war, daran erinnert sie sich noch, und das ist es, was die Leute immer wieder zu ihr zieht, diese Reste an familiärer Wärme, dieser Schutz und Trutz auch in den kältesten Nächten, wenn der Wind über die Steppe weht und mit den Wölfen um die Wette heult. In ihr ist noch kein Feuer ausgegangen, wenn man es nicht wollte.

Es ist eine gute Hütte, umgeben von Birken auf drei Seiten, in einer kleinen Lichtung gelegen, nicht weit vom Bahndamm der transsibirischen Eisenbahn, irgendwo im russischen Nirgendwo zwischen hier und dort. Ich bin vorbei geeilt, bin eingelullt gewesen von all diesen Birken wie mit Kinder Fatboy Sitzsack , die einem die Sinne effektiver vernebeln als der hiesige Vodka.

Und genau das ist es, was sie seit so vielen Jahren so gut verbirgt. Ja, sie ist gut versteckt. Gut verborgen. „Was starrst Du da eigentlich so geheimnisvoll murmelnd aus dem Fenster?“ reißt mich Peer auf einmal aus meinen Gedanken. „Da gibt es doch nix zu sehen außer Birken!“. Ich lächle wissend, nicke etwas geheimnisvoll und flüstere nur „ja, nur Birken, sonst ist hier nichts zu sehen“. Er würde es nicht verstehen. Die Hütte und ich, wir teilen nun dieses Geheimnis. Und das ist bei mir gut verborgen.

Dabei sind Birken so so wunderschön! Ihr Banausen! Und nur jemand, der auch mal die Ruhe geniessen kann und die Einsamkeit Sibiriens, wird diese Strecke als so positiv sehen können, wie ich. Nur so viel Ruhe und Einheitlichkeit können einen erst zu den tiefsten Gedanken in seinem Unterbewusstsein führen! Abwechslung lenkt doch nur davon ab!

Wenn zwischendurch mal eine kleine Buche aufgetaucht wäre, hätte mich das jedenfalls nicht gestört 😉 Aber ich wollte das nicht als Kritik verstanden wissen. Eher als kleine Geschichte aus meinem Unterbewusstsein… Hast schon recht, wenn man da eine Weile sitzt und hinausschaut, dann gerät man unweigerlich ins träumen. Es war definitiv die Erfahrung wert.

Meine lieben Freunde, ich danke euch für die letzte Stunde in meinem gehetzten Leben! Ich muss zugeben, dass ich euch bzw. euren Blog die letzten Tage ein wenig vernachlässigt habe. Doch nun ist alles nachgeholt. Wobei ich ja dank familiärer mails wusste, wie es um euch steht…

Im Angesicht der Terrakotta-Armee

Wir flanierten einen ganzen Tag durch diese Gässchen und verloren uns in den unzähligen kleinen Lädchen und Imbissen. Buntes Treiben auf den Straßen und in den Geschäften, munteres Feilschen um die Waren und köstliche kleine Snacks, die zum Teil direkt auf der Straße zubereitet werden.

Zwar findet man auch hier zahlreiche kunterbunte Souvenirs, gefälschte Markenklamotten und Ähnliches, doch die Atmosphäre ist nicht mit der im Silk Market von Peking zu vergleichen. Hier geht es wesentlich ursprünglicher zu, hier taucht man in eine gänzlich andere Welt ein. Wir taten es und waren begeistert.

Allerlei Köstlichkeiten am Straßenrand – Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Ort zum sattsehen und sattessen. Die in Xi’an lebende muslimische Gemeinde der Hui-Chinesen ist die größte der Minderheiten in Xi’an und lebt harmonisch mit der Bevölkerungsmehrheit der Han-Chinesen zusammen.

Die Gemeinde legt Zeugnis von der Vergangenheit der Stadt als einstmals wichtiges Handelszentrum des Reiches und einer multikulturellen Gesellschaft ab. Ebenso die vor 1250 Jahren erbaute große Moschee mit Kare Design günstig kaufen Einrichtung, die zu den größten des Landes zählt. Im Gewirr der Gassen leicht zu übersehen, liefen auch wir zunächst mehrfach an der Moschee vorbei. Als wir sie dann doch schließlich fanden und besuchten, fühlte man sich aber eher wie in einem chinesischen Tempel, denn in einer Moschee.

Chinesische und islamische Architektur treffen hier in einer faszinierenden Mischung aufeinander. So ist beispielsweise das Minarett im Stile einer chinesischen Pagode gehalten und auch weitere Elemente, wie die Geistermauer am Eingang, die böse Geister abhalten soll, ist ein typisches Merkmal chinesischer Tempel und zeugt von einer Verschmelzung der Kulturen.

Radtour auf der Stadtmauer von Xi’an. Xi’an verfügt über die wohl besterhaltene historische Stadtmauer Chinas. Die 12 Meter hohe Mauer aus dem Jahr 1370 umfasst die Altstadt und ist in Gänze begehbar. Oder befahrbar. Wir mieteten uns Fahrräder und folgten dem Verlauf der Stadtmauer über die gesamte Länge von 14 Kilometern.

Dabei bot sich auf der einen Seite der Blick auf die niedrigen Häuser der Altstadt, während sich zur anderen Seite die Wolkenkratzer erhoben. Um ehrlich zu sein, nahmen wir an, dass sich der beschriebene Blick geboten hätte, wenn man denn etwas gesehen hätte. Denn selbst Peking konnte es in Sachen Luftverschmutzung nicht mit Xi’an aufnehmen. Daher verschwand alles um uns herum nach einigen hundert Metern in absolut dichtem Nebel.

Die Mönche in der Realität

Dann kamen wir am Haupttempel an. Der Kontakt zu den Mönchen ergibt sich beim Souvenirkauf. In Reih und Glied spazierten wir in einer schwatzenden Masse an rosa, gelben und himmelblauen Plastikplanen durch das Haupttor, auf dessen anderer Seite wir von den Souvenirständen empfangen wurden. Und mir klappte der Unterkiefer hinunter. Die Mönche! Hier waren sie, saßen an den Tischen und verkauften Nippes. Man möge mir das Wort verzeihen, doch es war unwürdig.

Doch was hatte ich erwartet? Kampfesszenen, alles ganz authentisch und ganz zufällig nur für mich zu bestaunen? Ein Anflug von schlechtem Gewissen kam auf. Wer die Tänze der amerikanischen Ureinwohner bestaunen will, der sollte sich von geführten Touren durch Nationalparks fernhalten. Natürlich galt dasselbe für die Shaolin Mönche. Wir fotografierten ihre Tempel, ihre Stelen, mancher Besucher sogar ihre Buddha Statuen. Die Authentizität, so schien es mir, nahm mit jedem geschossenen Foto ein wenig mehr ab.

Dass das Original Shaolin Restaurant nicht geheizt war und wir uns nur an der Tasse Tee die Hände wärmen konnten, die Füße und der Rest jedoch weiterhin nass und kalt blieb, schien mir nur gerecht.

Ich verließ das Gelände enttäuscht, und konnte nicht recht einordnen worüber. Über das Gelände selber, das doch in Teilen wunderschön und absolut eindrucksvoll gewesen war, über meine nicht erfüllten Erwartungen oder vielleicht eher über diese Erwartungen an sich.

Im Bus sprachen wir über unsere Eindrücke. Wir fühlten alle ähnlich. Die Hoffnung sagte uns, dass sich die Mönche vielleicht woanders hin zurück gezogen haben, ihren alten Haupttempel vielleicht dem Ansturm an Touristen opfern mussten. Dass der Dienst an den Souvenirständen und Beam Arte M bett vielleicht eine Art Eingansdienst für die jungen Mönche im ersten Jahr ist, bevor sie sich in die Ruhe und Abgeschiedenheit eines weniger zugänglichen Tempels zurückziehen können. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Doch so ist das nun mal mit den Vorstellungen und den Hoffnungen. Sie treffen nur selten die Realität.

Xi’an, Hauptstadt der Provinz Shaanxi und unter der Qin-Dynastie die erste Kapitale des Kaiserreiches China, ist eine geschichtsträchtige Stadt. Und unser nächster Stopp auf der Reise durch China. Xi’an, Ausgangspunkt der legendären Seidenstraße, ist von jeher ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Das spürt man auch heute noch, wenn man etwa durch die engen und verwinkelten Gassen des muslimischen Viertels streift.

Angekommen im Shaolin-Disneyland

Am frühen Morgen machten wir uns in Xi’an auf den Weg, kamen gegen neun Uhr in Luoyang an und starteten von dort aus nach einem Imbiss mit einem Kleinbus in Richtung des Klosters in Dengfeng. Schon der Auflauf der Kleinbusfahrer, die den Reisenden am Bahnhof entgegen stürmen, um unter lauten „Shaolin, Shaolin, Bus, Bus“ Rufen nach Fahrgästen zu fischen, lies mich böses ahnen. Doch dass das Shaolin Kloster in der Henan Provinz kein Geheimtip mehr ist, wusste ich schon.

Auch der Reiseführer schrieb, dass das Kloster ein Opfer des eigenen Erfolgs geworden sei. Dennoch. Die Hoffnung stirbt zuletzt, so heißt es. Ich nahm mir vor um die Ecken zu blicken, nicht nur den vorgewiesenen Pfaden zu folgen, mit offenen Augen durch das Areal zu gehen um so vielleicht hinter die Kulissen blicken zu können. Um dann feststellen zu müssen, dass das nicht möglich war. Wenn es das dahinter überhaupt gab.

Am Gelände angelangt, war ich zuerst der Meinung, wir seien am falschen Ort. Ich kam mir vor wie in einem amerikanischen Nationalpark. Groß und perfekt organisiert. Der Eingang war u-förmig umrahmt von Gebäuden, Informationszentren, Geschäften, Lokalen und Souvenirständen und Möbelgutscheine online . Meine Hoffnung bekam Risse. Hinter dem Tor wurde man von Bussen abgeholt, die einen auf breiten, asphaltierten Straßen minutiös umher fuhren. Meine Hoffnung begann zu bröckeln.

Jede der Stelen steht für einen der alten Meister. An der ersten Station, einem Stelenwald, gingen wir weiter als alle anderen, ließen die Masse hinter uns, bis wir allein waren mit den Stelen. Hier konnte man zumindest Stimmung atmen. Den großen alten Meistern waren hier die sogenannten Stupas errichtet wurden.

Man schritt durch die Geschichte dieses Ortes, und sobald wir für uns alleine waren und es stiller wurde, kam so etwas wir Ehrfurcht auf. Hier war es, wo vor tausenden Jahren die Mönche aus einfachen Beobachtungen von Tierbewegungen Formen ableiteten und daraus eine Kunst machten.

Hier war es, wo die Bewegungen und die Körperbeherrschung bis zur Perfektion weiter entwickelt wurden. Hier wurde vor etwa 1500 Jahren die Kampfkunst geboren, wie wir sie heute kennen. Von hier aus zog sie in alle asiatischen Kulturen ein, gleich ob ins japanische Karate, ins koreanische Taekwon-Do oder ins thailändische Muay-Thai. Ja, ich war begeistert. Deshalb war ich hier her gekommen.

Wir platschten durch den eisigen Wind und den fiesen Schneeregen, der nicht nur die Schuhe sondern auch die Plastikumhänge durchnässte, die uns am Eingang verkauft worden waren. Ich besann mich auf mein Chi, erinnerte mich daran, dass der Geist dem Körper befielt und nicht umgekehrt und schaffte es beinahe mich davon zu überzeugen, dass mir nicht fürchterlich kalt war. Beinahe.

Am letzten Tag fuhren wir am Baikalsee vorbei

Am letzten Tag fuhren wir am Baikalsee vorbei. Dieses Ungetüm, das immerhin 20% der weltweiten Süßwasserreserven beinhaltet. Wir hätten ihn so gerne näher gesehen, direkt und unverfälscht, vielleicht sogar eine Fingerspitze hineingesteckt. Aber vom FMS in den direkten Zug in die Mongolei gezwungen, konnten wir ihn nur durch das Fenster betrachten. Durch ein dreckiges Fenster, das kaum etwas erkennen ließ. Die Nase an die Scheibe gepresst wurde eines schnell klar.

Auf weites Wasser zu blicken ist zwar eine Abwechslung, wenn man vorher Tage lang nur auf Steppe und Birken geblickt hat, spannend ist es dennoch nicht. Zumindest nicht spannend genug um einen nach diesem verfluchten russischen Vodka für länger als ein Foto von der Pritsche zu vertreiben. Womit wir wieder bei den Gründen für die geringe Polsterung wären. Braucht kein Mensch. Vodka macht alles weich, selbst Sperrholz.

Doch den letzten Abend, so dachten wir, hatten wir ja zum ausnüchtern und ausschlafen. Das funktionierte aber leider nicht. Kaum waren wir an der Grenze, begrüßten uns die Mitarbeiter des neu angekoppelten, mongolischen Zugrestaurants und lockten uns mit frischem Bier und Essen. Beides auf der rostroten Weste des Kellners kunstvoll arrangiert. Also versammelte sich der gesamte Zuginhalt im Restaurant und hoffte auf Steaks. Oder ähnliches. Die Passagiere feiern gemeinsam Abschied.

Als es sich dann herausstellte, dass es nur gekochte Eier und Nudelsuppe gab, war ich den Tränen nah. Alles, bloß keine Nudelsuppe. Bitte nein. Also doch Bier. Aber soviel sei versichert. Das mongolische Bier schmeckt gut. Um Längen besser als das russische, aber das ist nicht schwer.

Wir feierten den letzten Abend gemeinsam, denn die Hälfte unserer kleinen Truppe stieg in Ulan Bator aus. Irgendwann kam dann Ross, die englische Flickenweste, auf die glorreiche Idee eine Flasche Vodka zu kaufen. Als ich „Dschinggis“ auf dem Etikett las, wusste ich, dass das böse enden würde.

Als das Restaurant schloss, zogen wir wieder in unser Abteil um, spielten das großartige Würfelspiel „Lügenmäxchen“ bis wir in Ulan Bator ankamen und die Flasche alle war. Wir freuten uns sehr, dass wir am Bahnhof von den Betreibern des Ulan Bator Guesthouse, unseres Hostels, abgeholt wurden. Eine Taxifahrt durch Ulan Bator in unserem Zustand hätte unweigerlich in dem zehnfachen des normalen Fahrpreises geendet. Mindestens ähnlich wie die Mirabeau gartenschrank gmbh.

Und noch eine Überraschung. Obwohl wir gerade erst angekommen waren, konnten wir frühstücken und sofort in die Betten. Zwar nicht in unsere, aber immerhin in Betten. Echte, wirkliche Betten. Mit Matratzen und allen drum und dran.

Das Shaolin Kloster in Dengfeng

Wir traten den Beweis an, dass man einschlafen kann, während man sich hinlegt und schlummerten selig vor uns hin. Ein paar Stunden später zogen wir in unser Zimmer und unsere Betten um, lobten den mongolischen Vodka, der nicht mal den Hauch eines Katers verursacht und schliefen uns richtig aus. Ich mag die Mongolei jetzt schon.

Hallo, Globetrotter mit Migrationshintergrund, ich dachte auch wunderwas Ihr ertragen müsst, Gequetsche, Unmengen von Unheimlichkeiten, und dann das…. Aber von Sibirien habt ihr zumindest einen anderen Eindruck als alle Erzählungen ehem. Kriegsgefangener vermitteln. Schön, daß Ihr wieder bei uns seid, war schon langweilig…

Schon komisch, obwohl ihr euch recht häufig gelangweilt habt, klingt der Reisebericht spannend 🙂 Wirklich schade, dass euer erwartetes Abenteuer a la „Mord im Orientexpress“ nicht eingetreten ist, doch vielleicht war das Abenteuer da und ihr habt es nur nicht gemerkt, vor lauter Vodka und Bier?! 😀 Auf jedenfall hört es sich nach einem sehr tollen Erlebnis an, dass ihr wohl niemals vergessen werdet! Obwohl ich selbst eher abgeneigt gegenüber Zugfahrten bin, bekomme ich jetzt richtig Lust eine Zugreise mit Büorstuhl Test Shop zu unternehmen – natürlich in der Transsibierischen Eisenbahn 🙂

Ich kann ohne Bedenken zu dieser Reise raten. Nimm eine Flasche Vodka mit um Freunde zu gewinnen, ein gutes Buch und Karten, Würfel oder ein Schachspiel. Wenn Du im Zug bist, wirst Du es vielleicht nicht gleich realisieren, aber es ist jede Minute wert. Wenn Du dann nach einer Woche aus diesem Zug steigst, wird Dir der Abschied Deiner neuen Bekanntschaften leid tun. Selten lernt man Menschen so schnell so intensiv kennen wie in einer fünf tägigen Zugfahrt, soviel ist sicher.

Die Wiege des Kung Fu. Über tausend Jahre Buddhismus, Erleuchtung, Zen und Kampfkunst. Was stellt man sich unter solch einem Ort vor? Vielleicht hat man Bilder im Kopf, sicher aber eine Stimmung. Erhaben wird es sein, erleuchtet und stolz. Aber wie es nun mal so ist mit den Vorstellungen, sie gehen meistens an der Realität vorbei. Denn Bustransfers über das Gelände, ein Restaurant im Tempel und unzählige Souvenirstände, in denen die Mönche sitzen und Plastikwimpel verkaufen, das war in meinen Vorstellungen nicht vorgekommen. Wie naiv ich doch war.

Man mag es mir verzeihen, denn als Freund der asiatischen Kampfkunst mögen meine Erartungen besonders hoch gewesen sein. Ich träumte zwar nicht unbedingt davon mein koreanisches Taekwon-Do mit dem chinesischen Kung Fu zu messen, doch sicherlich davon zumindest etwas vom letzteren zu sehen. Wie gesagt, ich war naiv.

Der Baikalsee hinter schmutziger Scheibe

Zur Tageszeit wehrten wir alle Stunde den Schaffner ab, der schon morgens mit zwei Bier vor unserem Abteil auftauchte und als einleuchtendes Kaufargument nur „Beer?“ hervorgrinste.

Ab dem Nachmittag waren wir hingegen leichter zu überreden, die Hemmschwelle genug gesunken, und wir tranken Bier. Nach zwei, drei Tagen hatten wir uns soweit mit den anderen fraternisiert, dass wir gemeinsam tranken. Am dritten Tag war das Bier alle. Mit welchen naiven Vorstellungen planen die chinesischen Schaffner eigentlich eine fünfeinhalb tägige Zugfahrt? Lächerlich. Immerhin gab es noch das Zugrestaurant für Babuschkas verkaufen Essen am Bahnsteig. Notfälle und die Bahnhöfe für halbwegs vernünftige Preise. An Bier sollte es nicht mangeln.

Dem Himmel sei Dank, denn ohne wirklichen Auslauf, ohne ausreichend frische Luft, nur mit Essen, das dem Körper die Nährstoffe eher entzieht als zuführt und dann auch noch ohne Bier, wir wären wahrscheinlich eingegangen. Bier nährt Körper und Geist, beschäftigt und macht Bekanntschaften, traurig aber wahr. Abstinenzler sollten diese Fahrt sicher nicht unternehmen, das ginge nicht gut aus.

So kam es, dass wir in der vorletzten Nacht im Zug eine kleine drei Mann Party in unserem Abteil feierten. Jakob, die Pelzmütze aus Schweden, vernichtete mit uns gemeinsam eine Flasche Vodka. Es war wirklich lustig, wir redeten und blödelten ausgelassen. Bis irgendwann in den frühen Morgenstunden der Schaffner kam und uns bat etwas leiser zu sein.

Gut erzogen, wie wir sind, gehorchten wir natürlich. Bis uns ein paar Minuten später einfiel, dass seine Bitte keinen rechten Sinn machte. Wieso sollten wir leise sein? Es war ja niemand da, den wir hätten stören können.

Der Kollege des Schaffners hatte eine Kabine am anderen Ende des Waggons bezogen, nicht mal den konnten wir effektiv stören. Dann kamen wir darauf. Der Schaffner sah immer chinesische Filme auf seinem Laptop, im Dienstabteil gleich neben unserem. Mit diesen Schnulzen pflegte er sonst uns zu stören, denn er hatte keine Kopfhörer und war anscheinend ein Anhänger der volle-Lautstärke Philosophie wie das Möbel Outlet.

Konnte es sein, dass wir so laut gewesen waren, dass wir das übertönten? Wohl kaum. Aber immerhin hatten wir genug Gesprächsstoff für die nächste halbe Stunde. Bis wir in Irkutsk ankamen und die Aussicht auf einen Spaziergang über den Bahnsteig uns aus den Bänken riss. Danach hatte der Sauerstoff uns erfolgreich ermattet und das bis dato größte Erlebnis der Reise war um. Aber immerhin hatten wir eines gehabt.

Steppe und Birken in Sibirien

Die Highlights waren die kurzen Aufenthalte auf den Bahnhöfen. Da standen wir zehn dann immer, die Jogginghose von links winkte, die Flickenweste von dahinter hob kurz die Hand und von rechts nickte die schwarze Softshelljacke. Wo war die Pelzmütze? Ach, die kaufte Teigtaschen. Immerhin ein wenig Abwechslung, denn beim letzten Bahnhof hat die Pelzmütze nichts gekauft, dafür Jogginghose und Flickenweste gleichzeitig. Wahnsinn.

Und sonst? Man mag es kaum glauben, aber was regelmäßig für ein großes Hallo sorgte, waren Kurven. Grob geschätzt einmal pro Tag wurden wir von einer leichten Neigung des Zuges aus den Tagträumen gerissen. Dann platzte es gleichzeitig aus uns heraus: „eine Kurve“. Sofort pressten wir die Nasen an die Scheiben und freuten uns wie die Kinder. Juhu eine Kurve, was für ein Abenteuer! Dann wieder 24 Stunden schnur geradeaus. Genug Zeit das eben Erlebte zu verarbeiten.

Die Landschaft selber war atemberaubend eintönig. Irgendwo in Sibirien. Steppe und Birken, hin und wieder ein kleines Dörfchen aus Holzhütten und unbearbeiteten, staubigen Gassen. Dann wieder ewig lange nur Steppe. Diese Weite nahm einem jedes Gefühl für Entfernung. Das Gefühl für die Zeit ging sowieso bald verloren. Da alle Züge in ganz Russland nach Moskauer Zeit fahren, stellten wir die Uhr gar nicht erst um. Irgendwann hatte man sich daran gewöhnt, dass es mittags dunkel wurde.

Keiner wusste wie viel Uhr es dort ist, wo wir gerade waren. Überhaupt, wo waren wir? Das alles verliert an Bedeutung, wenn man tagelang vom immer gleichen Geräusch des Zuges eingelullt wird. Man war im Zug, man hatte noch soundso viel Tage nichts anderes zu tun als zu warten. Der Rest verschwamm.

Der Zug hatte schnell eine Stunde Verspätung. Wir spekulierten, dass die russischen Züge wahrscheinlich priorisiert werden und die armen vernachlässigten chinesischen Züge gerne mal aufs Abstellgleis gestellt werden. Wir phantasierten uns die spannendsten Dinge zurecht, was für ausschweifende Parties und wüste Geschichten gerade in allen russischen Zügen passierten. Bei uns immer noch tote Hose. Tote Hose, eine Redewendung, die nun auch vier schwedische Reisende verstehen. Ein sprachkultureller Hauptgewinn wie der Shop Porzellan Outlet.

Die Verspätung des Zuges führte dazu, dass wir in manchen Bahnhöfen statt einer halben Stunde nur wenige Minuten standen. Doch auch Hektik alleine macht kein Adrenalin. Es war zum aus der Haut fahren.

Wir lasen unsere Bücher und aßen dröges russisches Brot mit der nach spätestens drei Tagen verhassten Instant Nudelsuppe, die so böse auf die Verdauung schlägt. Wir konnten die Bananen nicht mehr sehen, die die Nudelsuppe ausgleichen sollten, um den Besuchen auf den Zugtoiletten entgegen zu wirken und erfreuten und hin und wieder an einer Teigtasche, wenn wir meinten, sie uns erlauben zu können.

Sonnenuntergänge in der sibirischen Steppe

Hin und wieder atemberaubende Ausichten. Wahrscheinlich hat der FMS versucht uns von den anderen Gästen fern zu halten. Oder hatten sie am Ende alle normalen Gäste in einen anderen Zug umgebucht und nur die illegalen in unseren gestopft? Man weiß es nicht. Wir waren immerhin zehn Tage lang illegal, hatten vielleicht keinen Spaß und kein Abenteuer verdient.

Was dann? Egal was wir verdient hatten, ich finde nicht, dass es nur das herzerweichende Gehuste und Gewürge zweier chinesischer Schaffner war. Das ein menschlicher Körper solche Geräusche von sich geben kann und dann nicht stirbt, das war auch für mich als Biologen eine Überraschung.

Doch zuerst kam die Nacht. Wir richteten uns ein, konnten uns in unserem Abteil immerhin ausbreiten, nun da es sicher war, dass wir alleine waren und bleiben würden, und versuchten zu schlafen. Erste Entdeckung: Die Betten im Platzkartny, also in den russischen Großraumabteilen, sind besser, als in der chinesischen zweiten Klasse. Um einiges besser.

Die zweite Klasse Betten sind nur Holzpritschen mit einer dekorativen Lage von etwa 2cm Schaumgummi. Im Platzkartny hat man eine richtige Polsterung. Aber die Logik dahinter besticht. Wenn der ganze Zug nichts unter der zweiten Klasse bietet, wer will sich beschweren? Und wer fünfeinhalb Tage lang Zug fährt, der hat ohnehin nicht viel mehr zu tun als zu pennen, da braucht kein Bett gemütlich zu sein. Irgendwann schläft man vor Langeweile ein.

Die Sonnenuntergänge in der sibirischen Steppe sind echte Highlights. Das konnte auch ernsthaft erklären, warum der Zug so leer war. Die klassische Route ist die nach Wladiwostok. Das ist eine rein russische Route und bietet somit auch die um einiges günstigeren Platzkartny Abteile.

Die meisten Russen können sich nur das leisten, würden also nicht in einem internationalen Zug fahren, der nur zweite und erste Klasse bietet. Ebenso die meisten Eisenbahnromantiker nehmen die klassische Route, auch die kommen nicht in den chinesischen Zug. Es war schnell klar, dass sich an der Leere des Zuges nichts mehr ändern würde. Also mussten wir uns damit arrangieren und zum Seltmann Weiden Shop zu schauen.

Was passierte in diesen fünf Tagen im Zug? Ich lernte Schach spielen, das ist doch schon mal was. Wir lernten zwei deutsche Reisende kennen, zwei britische und vier schwedische. Es ist wirklich wahr. Das war die Gesamtheit der Reisenden in diesem Zug. Zehn kümmerliche Gestalten, einer braver als der andere, kein Schmuggelgut, keine Agenten, keine Verbrechen, nicht mal ein einziger Mord. Nichts. Noch nicht mal aus Versehen. Eine Enttäuschung.

Die Transsibirische Eisenbahn

Jochen, deine Berichte sind traumhaft schön. Du kleiner talentierter Typ. Endlich hast du Raum und Zeit, dieses Talent auszuleben. Und wir alle können es geniessen, teilen. Lauschen.
Ich danke dir für deine Mühe. Du tust es für uns. Und du, Kasselener mit Brille? Wo bleibt dein nächster Bericht? Ich vermisse deine Zeilen. Deine Art zu berichten. Mach Meter!

Wo seid ihr jetzt? Schon auf Kamelen unterwegs? War ja euer Plan… Ich stelle mir das unglaublich kalt vor. Deckt euch ein. Nicht bloß mit Decken, sondern auch mit Dingen, die von innen wärmen. Ich ziehe in 1,5 Wochen um. In ein kleines Kaff, dass kein DSL bietet, aber hoffentlich LTE. Ich lasse, bevor mich das digitale Zeitalter im Stich lässt, nochmal von mir hören.

Passt auf euch auf. Ich drücke euch ganz fest. Schon der Klang weckt Fernweh. Bilder ziehen in Gedanken auf, Kino Phantasien. Irgend etwas zwischen „Mord im Orient Express“, „Alarmstufe Rot 2″ und „Transsiberian“. In Zügen, die lange unterwegs sind, passieren quasi zwangsläufig spannende Dinge wie bei Marken Lampen und Leuchten.

Müssen passieren, das ist ein Naturgesetz. Wir brauchen zwar nicht unbedingt verrückte Terroristen, die die Welt bedrohen, aber geheimnisvolle Passagiere, vielleicht Schmuggelbanden, die sich gegenseitig die Ware unterjubeln, Reisende, die spannende Geschichten zu erzählen haben oder doch wenigstens ein zünftiger Mord. Irgend etwas hat gefälligst zu passieren. Immerhin sind da ein Dutzend Wagen, voll gequetscht mit dubiosen Gestalten, unschuldigen Omis und illegalen Touristen. Das schreit nach Abenteuer.

Auf direktem Weg nach Ulan Bator. Als wir dann in den Zug stiegen und keiner sonst stieg mit ein, da war uns etwas mulmig zumute. Wir hatten gerade erst „Transsiberian“ gesehen. Wir kamen uns vor wir die Protagonisten, die in einem plötzlich völlig leeren Zug erwachen. Uiuiui, das kann ja was werden.

Doch wir wollten das nicht überinterpretieren, immerhin waren wir die ersten am Gleis, warteten dort schon eine Stunde in der Kälte, um bloß nicht zu spät zu kommen. Die Anderen würden schon kommen. In Scharen. Sicher. Von wegen. Kein Schwein kam. Eine Hand voll Gestalten schlurften über den Bahnsteig in Moskau. Das konnte doch nicht das Material sein, aus dem unser großes Zugabenteuer gestrickt werden sollte? Nur DIE da? Och nö.

Aber es war so. Wir hatten wirklich den gesamten Wagen für uns alleine, das änderte sich auch die gesamte Fahrt über nicht. In den anderen Wagen war auch nicht viel mehr los. Die meisten waren komplett leer. Der Wagen neben uns war ein wenig voller, immerhin vier von acht Abteilen besetzt. Eine Insel des Lebens in einem Zug der gähnenden Leere.